„Avengers“ Nr. 1: Chip Zdarsky und Marco Checchetto geben dem Team mit ihrem Neustart wieder Halt

- Ein neues Team formiert sich nach „Avengers: Armageddon“ ohne geplante Mitgliederrekrutierung
- Spider-Man wird zum moralischen Mittelpunkt des Hefts, während Captain Marvel sich an ihre geschwächten Kräfte gewöhnt
- Die Rezension lobt Checchettos Zeichnungen und die Einbindung der Geschichte in die aktuelle Marvel-Kontinuität
Neustart nach „Avengers: Armageddon“
Die Rezension zufolge hatte Marvels Flaggschiffserie über die Avengers im vergangenen Jahrzehnt eine schwierige Zeit. Selbst die Arbeit namhafter Autoren wie Jason Aaron und Jed MacKay habe ihr nach Ansicht des Rezensenten nicht dazu verholfen, den Reiz der Ära von Brian Michael Bendis und Jonathan Hickman zurückzugewinnen. Der Neustart wirkt daher nicht wie ein bloßer Wechsel des Kreativteams, sondern wie der Versuch, neu zu bestimmen, womit die Serie die Leser begeistern kann.
Diesmal hat Marvel die Serie dem Autor Chip Zdarsky und dem Zeichner Marco Checchetto anvertraut. Ihre frühere Zusammenarbeit an „Daredevil“ wird in der Rezension als eine der besten Serien über die Figur im 21. Jahrhundert bezeichnet, weshalb die Erwartungen an das neue Projekt hoch sind. Der Erfolg der früheren Arbeit garantiert jedoch nicht automatisch, dass ihr Ansatz auch mit einem Ensemble wie den Avengers funktioniert: Die erste Ausgabe muss zeigen, ob die Autoren die Stärken ihrer früheren Zusammenarbeit auf eine andere Geschichte übertragen können.
Der erste Einwand betrifft die Besetzung: Sie erinnert deutlich an Bendis’ Team aus „Die Neuen Avengers“, auch wenn sich der neu eingeführte Wonder Man dazugesellt. Diese Ähnlichkeit könnte wie der Versuch wirken, rasch Nostalgie für eine erfolgreichere Phase der Reihe zu wecken. Die Rezension betont jedoch, dass die Figurenwahl einer erzählerischen Logik folgt und die Umsetzung sich ausreichend unterscheidet, sodass die Ausgabe nicht wie eine bloße Wiederholung der alten Formel wirkt. Die Ähnlichkeit ist vorhanden, nimmt dem Neustart aber nicht seine Eigenständigkeit.
Ein Team, das die Umstände zusammengeführt haben
Die Geschichte beginnt nach den Ereignissen von „Avengers: Armageddon“. Die bisherigen Teammitglieder haben sich aus verschiedenen Gründen zurückgezogen, und als die Welt erneut Schutz braucht, müssen andere Helden ihren Platz einnehmen. Zu denen, die die entstandene Lücke füllen, gehören Spider-Man, Wolverine, Wonder Man und Captain Marvel, die mitgenommen und düster wirkt. Damit steckt die neue Reihe gleich ihre Ausgangslage ab: Die vertraute Besetzung gibt es nicht mehr, und das künftige Team muss erst noch zusammenfinden.
Wie schon in „New Avengers“ aus dem Jahr 2004 führt nicht ein zuvor ausgearbeiteter Rekrutierungsplan die Helden zusammen, sondern eine Kette von Umständen. Das ist eine wichtige Parallele zwischen den beiden Geschichten, aber kein Beweis dafür, dass die neue Serie die alte wiederholt: Im aktuellen Heft entsteht das Team aus einem konkreten Vakuum, das die ausgeschiedenen Mitglieder hinterlassen haben. Die Rezension hält dieses Modell für passend zum Franchise. Es gibt den Autoren die Möglichkeit, nicht nur das Zusammenfinden der Gruppe zu zeigen, sondern auch, warum jeder Held genau dann zur Stelle ist, wenn die Welt wieder Hilfe braucht.
Das erste Heft kann noch nicht alle künftigen Beziehungen innerhalb des Teams ausführlich beleuchten, doch Zdarsky nutzt die Unterschiede zwischen den Helden bereits als Motor der Szene. Statt mit einer langen Einführung zu erklären, wer zu wem passt, beginnt die Geschichte, Verbindungen aufzubauen und unterschiedliche Reaktionen auf das Fehlen der Avengers aufzuzeigen. Dieses Tempo hilft dabei, die neue Gruppe durch ihre Taten und Interaktionen vorzustellen. Anhand eines einzelnen Hefts lässt sich jedoch noch nicht beurteilen, wie lange der Zusammenhalt bestehen wird und welche Konflikte die weitere Entwicklung der Serie prägen werden.
Die Figuren geben den emotionalen Ton vor
Eine besondere Rolle spielt die Verbindung zwischen Matt Murdock und Carol Danvers. Die Rezension merkt an, dass der Autor keine fertige Formel aus seiner früheren Arbeit über Daredevil auf die „Avengers“ überträgt, sondern sich von Anfang an auf Matts Beziehung zu Captain Marvel konzentriert. Für Carol ist dies zugleich eine Zeit der Eingewöhnung: Sie versucht, sich in einer neuen Welt zurechtzufinden, in der ihre Kräfte nur noch ein Schatten ihrer früheren Stärke sind. Diese Verbindung aus persönlicher Dynamik und Veränderungen der Fähigkeiten der Heldin macht ihr Zusammenspiel zu einer der tragenden Säulen der Auftaktausgabe.
Aus dieser Annäherung entsteht auch eine deutliche romantische Note: Der Rezensent vermutet humorvoll, dass nach dieser Ausgabe Leser hinzukommen könnten, die sich für ein Paar aus Daredevil und Captain Marvel interessieren. Das ist lediglich ein Eindruck von einer sich anbahnenden Dynamik und keine Bestätigung dafür, dass die Beziehung bereits zum zentralen Handlungsstrang der Serie geworden ist. Wichtiger ist, dass die Szenen mit Matt und Carol den Zustand der Figuren durch ihre Begegnungen miteinander vermitteln, statt nur Änderungen in der Besetzung aufzuzählen oder die Folgen der Ereignisse von „Armageddon“ zu erklären.
Spider-Man wird zum moralischen Zentrum der Geschichte. Ihn beschäftigen sowohl das Fehlen der Avengers als auch die derzeitige kühle Haltung der Gesellschaft gegenüber Superhelden besonders. Für Peter ist es nicht das erste Mal, dass er Teil eines Teams ist, doch die Rezension beschreibt diese Ausgabe als möglichen Wendepunkt: Nun muss er in einer Situation handeln, in der keine vertraute Gruppe an seiner Seite ist, um die Verantwortung mit ihm zu teilen. Peters Grundsatz, dass mit großer Macht große Verantwortung einhergeht, klingt deshalb eindringlicher – nicht wie ein vertrauter Spruch, sondern wie eine Verhaltensforderung, wenn niemand den Helden ablösen kann.
Zeichnungen und Einordnung in die übergreifende Marvel-Kontinuität
Die visuelle Gestaltung bewertet die Rezension besonders positiv. Checchetto kommt nach seiner Zusammenarbeit mit Hickman an „Ultimate Spider-Man“ zu diesem neuen Projekt und bringt nach Einschätzung des Rezensenten seine Stärken mit. Dazu zählen ausdrucksstarke Figuren, elegante Linienführung und Gesichter, deren Emotionen sich ohne überflüssige Erklärungen erschließen. Besonders hervorgehoben werden auch die Haare der Figuren, die zu einem unverkennbaren Merkmal von Checchettos Zeichnungen geworden sind. Dieses Lob gilt dem konkreten visuellen Stil der Ausgabe und nicht nur dem allgemeinen Eindruck vom vielbeachteten Neustart.
Auch die Inszenierung der Szenen wird positiv bewertet: Das Skript wechselt zwischen intimen Momenten und groß angelegter Action, und der Zeichner überzeugt in beiden Bereichen. Matt Wilsons Farben ergänzen die Zeichnungen und erzeugen, wie es in der Rezension heißt, eine zugleich einladende und stellenweise leicht beunruhigende Stimmung. Diese Kombination ist für die erste Ausgabe wichtig: Sie soll die Leser mit den Figuren vertraut machen und zugleich die Bedrohung spürbar werden lassen, deretwegen sich die neue Gruppe überhaupt zusammenfindet. Die Rezension ist der Ansicht, dass die visuellen Entscheidungen beiden Aufgaben gerecht werden.
Schließlich ist die Ausgabe durch Zdarskys jüngste Arbeit an „Armageddon“ und „Captain America“ sowie durch die aktuelle Lage der Figuren selbst mit den laufenden Marvel-Handlungen verknüpft. Die Rezension nennt als Beispiel die derzeitige Situation von Tante May im Leben von Spider-Man, betont aber, dass die Kenntnis anderer Serien keine Voraussetzung für die Lektüre ist. So wirkt das Universum zusammenhängender, ohne den Einstieg in eine neue Geschichte zu einem Test darüber zu machen, ob man alle damit verbundenen Ausgaben kennt. Ob sich diese Balance auch künftig halten lässt, bleibt vorerst offen.
Quelle: IGN



